Au-Pair XXL

Im dicken Jeep über den Highway düsen und sich die frische Pazifikluft um die Ohren wehen lassen – auch für Au-pairs in den USA keine Selbstverständlichkeit. Für Elisabeth aus Essen ist der amerikanische Traum Wirklichkeit geworden.

Elisabeth steigt in den Flieger, macht es sich auf ihrem Platz bequem. Sie wirft einen letzten Blick aus dem Fenster. Dann setzt sich der Jet langsam in Bewegung, nimmt Fahrt auf und hebt ab – ins Ungewisse. Elisabeth wird klar, dass sie ihre Eltern, ihren Freund und all ihre Freundinnen für ein ganzes Jahr nicht mehr wiedersehen wird. Ein trauriger Moment. Trotzdem: Sie ist auch gespannt auf das, was vor ihr liegt. Als Au-pair wird sie zwölf Monate in den USA leben, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Elisabeths neues Zuhause: Portland, Oregon, im äußersten Nordwesten des Landes, nahe am Pazifik. Ab sofort wohnt das Mädchen aus dem Ruhrpott bei der Familie Gulick-Stutz in einem großen Haus mit Swimmingpool und einem riesigen Garten. „Das sah schon auf den Fotos beeindruckend aus“, erinnert sich die Deutsche. „Aber in echt war es dann noch schöner.“

Mulmiges Gefühl bei der Ankunft

Bei der Suche nach einer Gastfamilie und der gesamten Organisation hatte ihr eine Vermittlungsagentur geholfen. Viele Au-pair-Agenturen und Organisationen bieten das an, denn die Nachfrage ist riesengroß. Jahr für Jahr zieht es Tausende Deutsche ins Ausland, meist nach dem Schulabschluss, um als Au-pair in einer Gastfamilie unterzukommen, dort auf die Kinder aufzupassen – und nebenbei die Lebensgewohnheiten eines fremden Landes kennenzulernen und die eigenen Fremdsprachenkenntnisse aufzumöbeln. Auf der Beliebtheitsskala ganz oben: die USA, Australien und Kanada.

Als Gegenleistung für die umfassende Kinderbetreuung erhalten die jungen Gäste dort auch ein Taschengeld. Nicht umsonst bedeutet der französische Begriff „au-pair“ übersetzt so viel wie „auf Gegenseitigkeit“. Elisabeth erhält 176 Dollar pro Woche, umgerechnet sind das rund 120 Euro. Genug für gelegentliche Spritz- und Shoppingtouren, denn für Unterkunft und Verpflegung ist ja bereits gesorgt.

Elisabeth ist bestens vorbereitet – und hat trotzdem ein flaues Gefühl im Magen, als sie in Portland eintrifft. „Trotz mehrerer Mails und Anrufe wusste ich ja nicht, was mich wirklich vor Ort erwartet“, sagt sie. Während des obligatorischen Workshops stehen plötzlich die achtjährige Suzanna und der zwölfjährige Reed vor ihr, ihre neuen „Kinder“. Auch Guillaume ist mit dabei, Elisabeths Vorgänger. Der Franzose ist nett, gibt ihr aber auch Anlass zur Sorge. Immerhin hatten sich die Kids an ihn gewöhnt. Ob sie auch Elisabeth so lieb gewinnen würden?

Burger und Pommes unerwünscht

Mit Feuereifer stürzt sich die 20-Jährige deshalb in ihre Aufgabe. Regelmäßig holt sie Suzanna und Reed von der Schule ab, kutschiert die beiden zum Sportverein, zum Klavierunterricht, zu Freunden. Zu Hause zaubert sie den Kids Leckeres aus dem Kochtopf. Dafür stöbert sie im Internet nach originellen und gesunden Rezepten. Denn typisch amerikanische Burger und Pancakes kommen im Hause Gulick-Stutz nicht auf den Tisch. „Cynthia und Ben, die Eltern, haben sehr großen Wert auf eine gesunde Ernährung gelegt“, so das Au-pair-Mädchen. „Ich musste also immer auf frische und wertvolle Zutaten achten. Fertiggerichte waren nicht gern gesehen.“

Die Gasteltern sind anspruchsvoll, bringen Elisabeth aber auch eine gehörige Portion Vertrauen entgegen. „Ich musste viele Entscheidungen für die Kinder treffen, wenn die Eltern bei der Arbeit waren“, sagt sie. „Das hat mich stolz gemacht und auch für zukünftige Aufgaben bestärkt.“ Ihr Selbstvertrauen wird größer und größer, immer mehr wächst sie ins amerikanische Familienleben hinein. Eines aber bleibt beim Alten: das Heimweh. „Gerade, wenn ich gesehen habe, wie lieb diese Familie miteinander umgeht, habe ich meine Mutter und meine drei Geschwister vermisst“, sagt sie. „Diese Momente lernt garantiert jeder kennen, der für eine so lange Zeit im Ausland ist.“

Die Gasteltern erkundigen sich daher regelmäßig, wie es ihrer „zweiten Tochter“ geht. Und sie finden das ideale Gegenmittel für Heimweh: Reisen. „Meine Familie war wirklich viel unterwegs und ich war jedes Mal wie selbstverständlich mit dabei.“ Einmal geht es nach San Francisco, ein anderes Mal nach Mexiko. Auch im Reisekalender: der beeindruckende Bryce Canyon in Utah, die Häuserschluchten von New York und die Traumstrände auf Hawaii. „So etwas hätte ich im Traum nicht erwartet, das war etwas ganz Besonderes“, schwärmt sie von ihren Eindrücken.

Gegrilltes für die Essenerin

Die 20-Jährige ist zu einem richtigen Familienmitglied geworden, da sind die zwölf Monate auch schon abgelaufen. „Das Jahr ist total schnell vorübergegangen“, sagt sie. Mit einem tollen Festessen verabschieden sich die Amerikaner von der jungen Deutschen, bringen sie dann zum Flughafen. Wieder sitzt Elisabeth mit einem lachenden und einem weinenden Auge an Bord. Wieder lässt sie liebe Menschen zurück, aber sie freut sich auch auf das, was kommt.

Familie und Freunde empfangen sie in Essen mit einem krachenden Grillfest, es wird geklönt und gebrutzelt. Elisabeth erzählt von ihren Erlebnissen. Und zieht dabei eine durch und durch positive Bilanz. Selbstbewusster und unabhängiger sei sie in den zurückliegenden Monaten geworden, ihr Englisch habe sie enorm verbessert und etwas ganz Neues kennengelernt. „Das ist toll“, strahlt sie.

Elisabeths nächster Wunsch: ein Ausbildungsplatz, am liebsten zur Mediengestalterin. Wenn es damit trotz ihres großen Erfahrungsschatzes nicht klappt, kann sie sich eine Rückkehr nach Amerika durchaus vorstellen. Dort könnte sie auch ihren Appetit auf amerikanische Köstlichkeiten stillen. Denn, so Elisabeth, „ich vermisse Bagels und die große Auswahl an Cornflakes im Supermarkt.“