Traumjob Model: "Das Wichtigste ist die richtige Selbsteinschätzung"

Für viele Mädchen ein Traum: der Einstieg ins Modelgeschäft. Carolin Lorentz arbeitet als Model, kennt sich in der Szene gut aus - und hat zu Casting-Shows wie Germany's next Topmodel ihre ganz eigene Meinung. spleens.de hat die Bonnerin befragt.

 

spleens.de: Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie "Germany's Next Topmodel" hören?

Carolin Lorentz: GNTM halte ich für ein Unterhaltungsformat, das vor allem am eigenen Erfolg interessiert ist. Es geht wohl kaum darum, jungen Menschen einen Weg aufzuzeigen. "Model werden wollen" ist bei Mädchen und jungen Frauen häufig einfach nur ein Synonym für das Bedürfnis, mal als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden und aus dem Umfeld herauszustechen. Aus diesem Bedürfnis speist sich die ganze Sendung, da es die jungen Teilnehmerinnen und Zuschauer manipulierbar macht: man kann sie glauben machen, dass es für ein Casting essentiell sei, publikumsträchtige "Challenges" zu absolvieren. Dass man "als Model" ohne Mitspracherecht alles über sich ergehen lassen muss.

Heulsuse oder Ghetto-Braut

spleens.de: Sie würden jungen Mädchen also nicht empfehlen, sich dort zu bewerben?

Carolin Lorentz: "Empfehlen" würde ich das nur einem Medienprofi. GNTM eignet sich sicher, um eine gewisse Prominenz zu erlangen, allerdings häufig um den Preis, dass man aus Quotengründen "ein Image wegbekommt", als Heulsuse, Oberzicke, Ghettobraut, Miss Einkaufszentrum. Damit kann man sich im deutschen Medienzirkus zwar keinen Respekt verdienen, aber vielleicht eine goldene Nase. Selbst den Siegerinnen der einzelnen Staffeln haftet der Makel "Castingshowgewinnerin" an. Sie schreiten über rote Teppiche, aber ohne klare Funktion. Sie sind berühmt, aber heimlich lästert man: "Wofür?" Die Menschen verzeihen keinen Ruhm, der nicht erarbeitet wurde.

spleens.de: Was ist grundsätzlich von "Model-Contests" oder Castings zu halten, die regelmäßig über die Medien ausgerufen werden?

Carolin Lorentz: Die meisten Modelwettbewerbe (und Misswahlen) sind lediglich PR für diejenigen, die sie ausrichten: Verbrauchermessen, Volksfeste, mittelständische Unternehmen, Hostessenagenturen, das lokale Käseblatt - sie alle freuen sich, in einem Atemzug mit aufgehübschten jungen Frauen genannt zu werden. Das schafft Aufmerksamkeit und steigert den Umsatz. Die spätere Gewinnerin hat wie alle hoffnungsvollen Teilnehmerinnen ohne Gage mitgemacht und erhält als Prämie die Möglichkeit, auf einer Messe eine kleine Modenschau zu laufen, durch einen gewonnenen "Modelvertrag" regelmäßig als Hostess zu arbeiten, in einem Prospekt oder auf dem Cover einer regionalen Zeitschrift abgebildet zu werden. Darin erschöpfen sich dann die Branchenkontakte und die beschworene "Modelkarriere". Die meisten Veranstalter sind keine großen Marken, die nach einem Gesicht für eine Werbekampagne suchen.

Seriöse Agentur suchen

spleens.de: Und wenn ich als junges Mädchen trotz allem unbedingt Model werden möchte?

Carolin Lorentz: Das Wichtigste ist die richtige Selbsteinschätzung und die hat leider vor allem mit körperlichen Vorraussetzungen zu tun: Bin ich groß genug, um Fashion- bzw. Laufstegmodel zu sein? Oder gehöre ich zu dem Heer von "Zwergen", die als Werbegesicht (für Fruchtsäfte, Waschmittel, Versicherungen etc.) in Frage kommen? Letztere werden selten berühmt, dafür ist die Altersgrenze nach oben offen. Ab und zu erwählt die Modeindustrie zwar ein zu kurz oder kurvig geratenes Model und zelebriert seine Andersartigkeit, aber man sollte nicht darauf bauen, diese willkürlich ernannte Ausnahme zu werden. Die sicherste Bank ist, den eigenen Typ zu bestimmen und sich dann eine seriöse Agentur zu suchen, die jene Kunden an der Hand hat, die den eigenen Typ buchen.

spleens.de: Wie erkenne ich denn, ob eine Agentur seriös ist oder nicht?

Carolin Lorentz: Sehr große, junge Mädchen haben es da leicht, die orientieren sich an der Liste auf der Webseite von VELMA (Verband lizenzierter Modellagenturen). Jene, die als Werbegesicht in Frage kommen, sollten sich an so genannte "Casting und People Agenturen" halten. Die findet man jedoch nur mit Glück über eine Suchmaschine, da die Suchergebnisse bei den entsprechenden Begriffen von den fragwürdigen Internet-Modeldatenbanken überlagert werden. Generell gilt: Abstand halten von Internet-Modeldatenbanken, die behaupten, große Werbekunden würden dort nach Gesichtern suchen - warum sollten sie das tun, wenn sie auch einfach einen Booker bei einer etablierten Agentur in Hamburg anrufen können? Sich nicht auf "Agenturen" einlassen, deren Schwerpunkt auf der Rekrutierung neuer (zahlender) Mitglieder liegt. Überhaupt: Kein Geld im Voraus zahlen und wenn es nur 49€ für die Aufnahme in eine Modeldatenbank im Internet sind. Keine "Modelschule" aufsuchen, die einem für viel Geld Posing- und Laufstegkurse oder ein teures Sedcardshooting (oft schlecht fotografiert und mit nicht-typgerechten Fotos) aufschwatzt. Und sich um Gottes Willen von Misswahlen fernhalten.

Zur Person

Carolin Maria Lorentz besuchte nach dem Abitur einen einjährigen Schauspielkurs in London und schloss anschließend ein Studium der Geisteswissenschaften an der Universität Karlsruhe ab. Sie werkelt an einem Roman, bloggt für ein großes Telekommunikations-unternehmen und wird als Werbegesicht bei einer namhaften Hamburger Agentur geführt. Außerdem verdingte sie sich undercover als Teilnehmerin auf deutschen Misswahlen (über ihren Text "Nummerngirls" berichteten u.a. Der Spiegel, Focus Online und die FAZ). Carolins Portfolio und Links zu ihren Accounts bei Facebook, Youtube und Twitter findet man unter www.CMLo.net.